Veränderung geschieht im Kleinen
Viele Führungskräfte wie Jan bemerken die Weichenstellung nicht. Sie funktionieren, liefern ab, wirken souverän, während im Hintergrund die Beziehung bröckelt, die Kinder sich zurückziehen und der Körper erste Signale sendet. Stärke wird dann mit Dauerbelastung verwechselt. Doch wer dauerhaft über seine Grenzen lebt, gefährdet mittelfristig genau das, wofür er arbeitet: Vertrauen, Gesundheit, Familie, Beziehung und am Ende die eigene Integrität.
Prototypen unserer Leistungs-Elite
In meiner Arbeit mit Führungskräften begegne ich immer wieder denselben Mustern. Da sind jene, die alles geben, bis nichts mehr geht. Menschen, die sich aufreiben, weil sie glauben, dass Verantwortung bedeutet, alles zu bringen. Sie hören die leisen Warnzeichen, aber sie übergehen sie, weil die Welt um sie herum weiterläuft. Und dann sind da die anderen, diejenigen, die immer funktionieren. Sie wirken kontrolliert, leistungsstark, unerschütterlich. Nur wird beim Blick hinter die Kulissen schnell klar, dass sie längst den Zugang zu sich selbst verloren haben. Sie spüren kaum noch, was sie wollen oder brauchen. Arbeit wird zum sicheren Ort, zur Flucht vor dem, was Nähe und direktes Nachfragen an Wahrheiten aufdecken könnten. Beide Typen eint eines: Sie führen andere, aber nicht sich selbst.
Ehrlichkeit öffnet die Tür zur Wirksamkeit
Selbstführung beginnt dort, wo wir mit uns selbst ehrlich werden. Jan hat sich lange eingeredet, dass seine Familie wisse, wie wichtig sein Job sei. Dass alles wieder besser werde, wenn „diese Phase vorbei ist“. Aber Phasen hören nicht von selbst auf. Sie hören auf, wenn wir entscheiden, dass genug ist. Grenzen zu setzen, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist Ausdruck von Bewusstheit und Fokus. Es bedeutet, sich selbst sowohl für die Ergebnisse als auch für das eigene Leben wieder in die Verantwortung zu nehmen.
Keine Führung ohne Selbstführung
Führung ohne Selbstführung ist ein Widerspruch. Wer sich selbst nicht steuert, wird gesteuert. Erwartungen anderer, falsch verstandene Loyalitäten und innere Antreiber übernehmen das Steuer. Viele Führungskräfte glauben, dass sie keine Wahl haben. Doch genau darin liegt der Irrtum. Wir haben immer eine Wahl. Die Frage ist nur, ob wir sie treffen oder vermeiden. Selbstführung heißt, die eigenen Muster zu erkennen. Das kann Ehrgeiz oder Pflichtgefühl sein oder die Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Diese gilt es zu führen, statt von ihnen geführt zu werden. Wer seine inneren Dynamiken kennt, kann bewusst entscheiden, wann Einsatz sinnvoll ist und wann Rückzug nötig wird.
Alles beginnt mit einer Entscheidung
Eines Abends sitzt Jan am Esstisch, den Laptop noch offen, während Anna ihm erzählt, dass sie sich fremd fühlt. Nicht, weil sie ihn nicht mehr liebt, sondern weil sie ihn kaum noch erlebt. Der Satz trifft ihn, aber er reagiert nicht sofort. Zum ersten Mal seit langem bleibt er still, beginnt wirklich zuzuhören. In diesem Moment beginnt etwas, das lange überfällig war. Er hält inne.
Verantwortung beginnt im Innen
Selbstführung ist kein Werkzeug, sondern eine Haltung. Sie verlangt, hinzusehen, bevor es schmerzt. Sie fordert Ehrlichkeit und Mut, auch unbequeme Konsequenzen zu tragen. Sie bedeutet, Sätze wie „Ich mache das später wieder gut“ zu hinterfragen, denn manches lässt sich später nicht mehr reparieren. Beziehungen, Vertrauen und Gesundheit sind keine Restzeit, sie sind Lebenszeit. Und sie gehören zur Führung dazu. Denn wer Menschen führt, trägt auch für das Verantwortung, was er mit seinem Verhalten vorlebt.
Die Macht des blinden Flecks besiegen
Manchmal braucht es jemanden, der einem diesen Spiegel vorhält und in der Selbstführung unterstützt: einen Coach, eine Vertraute, eine Partnerin. Es ist keine Schwäche, sich helfen zu lassen. Es ist vielmehr ein Zeichen von Reife und Überblick. Denn wer sich selbst führt, schafft Raum für Präsenz, für echte Verbindung und für Wirksamkeit, die trägt.